Abschiednehmen statt kirchlicher Beerdigung

Andrea mit Roman
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Abschiednehmen statt kirchlicher Beerdigung

Beitragvon Andrea mit Roman » 10. Mai 2016, 18:17

Hallo
mein Thema passt nicht genau hierher, hat aber auch mit Sterben zu tun:
Ich bin auf der Suche nach Anregungen von euch:
Meine Tante ist mit 86 Jahren verstorben, sie hat sich gewünscht, dass keine Bestattung stattfindet und ihre Asche im See verstreut wird . Sie wohnte weit weg von uns, doch erst vor einem Monat hatte ich sie mit Roman ( fast 16, J., Down-Syndrom und schwer geistig behindert auf Entwicklungsniveau eines ca. 4 Jahre alten Kindes) besucht und er kann sich gut an sie erinnern und hatte schon wieder gesagt: Anna besuchen.

Ich habe ihm noch nicht gesagt, dass sie gestorben ist. Will es dann tun, wenn ich weiss, wann und wie wir das Abschiednehmen organisieren. Das habe ich auch gut so machen können, da ich jetzt nicht fassungslos und sehr traurig durch ihren Tod bin, es ist schön, dass er gekommen ist auf diese gute Art. Sie ist körperlich immer schwächer geworden und da er willkommen war nach 20 Jahren psychiatrischer Krankheit und sie nur 1 Tag im Krankenhaus verbracht hat.

Nun möchte ich mit meinen Brüdern doch ein gemeinsames Abschiednehmen organisieren (wir sind 3 Geschwister mit 7 Kindern von 10-18 Jahren), damit auch unsere Kinder den Tod von Anna mit einem Ritual verbinden können.
Ich finde es aber ziemlich schwierig, auch wegen Roman. Das Asche Verstreuen möchte ich nicht mit ihm machen, da er das nicht versteht, er weiss nicht, dass Verstorbene kKremiert werden. Dass ein Mensch verbrennt wird, kann er sich nicht vorstellen.
Wir sehen nie meine beiden Brüder mit Familien gleichzeitig, da sie 3 Std. weit weg wohnen und sehen sie selten und Roman mag sehr gerne Besuch. Wenn sie alle zu uns heimkommen, ist das ein Fest für ihn, das verbindet er dann nicht mit dem Tod von Anna. Zudem steht sein Geburtstag am 18. Mai bevor und er wünscht sich Besuch von den Familien meiner Brüder, aber das wollen wir nicht mit dem Abschiedsnehmen von meiner Tante verbinden.

Roman weiss, was tot ist, sein Grossvater ist vor 8 Jahren gestorben, er wurde kirchlich beerdigt und Roman war mit dabei. Danach hat er oft im Rollenspiel die Beerdigung gespielt.
Wir alle 3 Familien haben keine Bezug zur Kirche.

Wie gestalten wir das am besten? Hat jemand von euch das schon einmal gemacht und teilt mir seine Erfahrungen mit?
herzliche Grüsse
Andrea mit Roman (5/2000), Downsyndrom (Trisomie 21),Hörbehindert und schwerer Sprechdyspraxie. Verständigt sich mit Sprache, Gebärden und Mintalker.
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Re: Abschiednehmen statt kirchlicher Beerdigung

Beitragvon Beatrice » 14. Mai 2016, 11:04

LIebe Andrea

Spontan kommt mir das Symbol der Ballone in den Sinn -man schickt gute Wünsche in Form von Ballonen zum Verstorbenen im Himmel oder auf seine Wolke - oder in die andere Welt, wo er oder sie nun wohnt.

Dein Thema war übrigens auch schon Thema in Büchern:
Trauer bei Menschen mit geistiger Behinderung

RATGEBER
°°°°°°°°°°


Titel: Wenn Menschen mit geistiger Behinderung trauern
Untertitel: Vorschläge zur Unterstützung
Autorinnen: Charlene Luchterhand / Nancy Murphy
Verlag : Juventa, Juni 2007
ISBN : 978-3-7799-2027-4, Paperback, 120 Seiten

Preisinfo : 14,90 Eur[D] / 15,40 Eur[A] / 26,50 CHF UVP
Alle Preisangaben in CHF (Schweizer Franken) sind unverbindliche Preisempfehlungen.

Erhältlich im Buchhandel

Beschreibung:
Das Buch beschreibt die allgemeingültigen Abläufe des Trauerprozesses, dessen Besonderheiten bei Menschen mit geistiger Behinderung und macht über 100 Vorschläge, wie Sie trauernden behinderten Menschen beistehen können.
Auch Erwachsene mit geistiger Behinderung leiden unter dem Verlust von ihnen nahestehenden Menschen. Ihre Trauer verläuft oft unbemerkt, weil sie meist ohne Tränen erfolgt. Die hier versammelten Übungen geben ihnen Gelegenheit, ihre Trauer auszudrücken, sich vom Verstorbenen zu verabschieden und den Verlust zu überwinden. Viele dieser Übungen lassen sich auf trauernde Kinder und Erwachsene ohne geistige Behinderung übertragen.
Einleitung

Kapitel 1
Wenn Menschen trauern
Aufgaben im Trauerprozess
Reaktionen der Trauer
Trauerzeit
Auslöser von Trauer

Kapitel 2
Was ist für Erwachsene mit geistiger Behinderung kennzeichnend?
Allgemeine Lebensumstände von Erwachsenen mit geistiger Behinderung

Kapitel 3
Wichtige Elemente der Unterstützung geistig behinderter Erwachsener im Trauerprozess
Die notwendigen Schritte

Kapitel 4
Unterstützungsstrategien im Trauerprozess
Wie man dieses Kapitel benutzt
Gliederung der Vorschlagsliste
Vorschläge zu Aufgabe 1: Die Realität des Verlusts akzeptieren
Vorschläge zu Aufgabe 2: Den Schmerz der Trauer erleiden
Vorschläge zu Aufgabe 3: Anpassung an eine Umgebung, in der der Verstorbene fehlt
Vorschläge zu Aufgabe 4: Emotionale Energie zurücknehmen und in Neues investieren

Kapitel 5
Professionelle Unterstützung
Warnsignale, wenn Hilfe gebraucht wird
Anzeichen, dass professionelle Unterstützung nötig ist
Wo finden Sie professionelle Unterstützung?

Literatur

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DAS BESONDERE BUCH
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Titel: Bäume wachsen in den Himmel
Untertitel: Sterben und Trauern
Ein Buch für Menschen mit geistiger Behinderung

Verlag : Bundesvereinigung Lebenshilfe f. Menschen mit geistiger Behinderung , Dezember 2003
ISBN : 978-3-88617-511-6, Ringbindung, 96 Seiten, 148 farbige Fotos, meist farbige Abbildungen


Preisinfo : 18,00 Eur[D] / 18,50 Eur[A] / CHF 32.50
Alle Preisangaben in CHF (Schweizer Franken) sind unverbindliche Preisempfehlungen.

Erhältlich im Buchhandel oder bei der Lebenshilfe


verwandte Themen : Behindertenseelsorge, Beispielsammlung, Geistige Behinderung, Menschen mit geistiger Behinderung, Sterbebegleitung, Sterben, Trauern

Zum Zweck des Buches:
Trotz vieler verbaler und kommunikativer Möglichkeiten fällt es oft schwer uns mit den Themen Sterben, Tod und Trauer auseinanderzusetzen. Wie aber nehmen Menschen mit geistiger Behinderung diese intensiven Erlebnisse und Gefühle wahr? Wie kann man mit ihnen über Sterben und Tod sprechen? Wo finden sie einen verstehenden Zugang zu diesem Ereignis? Wie kann es ihnen ermöglicht werden sich mit Trauer und Schmerz auseinanderzusetzen und diesen Ausdruck zu verleihen.?

Das Buch „Bäume wachsen in den Himmel – Sterben und Trauern“ setzt sich sehr eingängig, informativ und empathisch mit der Sterbe- und Trauerbegleitung von Menschen mit geistiger Behinderung für Menschen mit geistiger Behinderung auseinander.

Das Vorwort ist einladend und ausdrucksstark bildnerisch gestaltet und benennt gleich wesentliche Fragen, die Menschen im Umgang mit Sterben, Tod und Trauer beschäftigen.

Das Buch ist in drei Lebensgeschichten – Kind, Erwachsener und alter Mensch – unterteilt.

Der erste Teil beschäftigt sich mit dem Tod eines 13-jährigen Mitschülers. Die Situation wird geschildert, die Rollen für eine „Bild-Geschichte“ verteilt und die Darsteller vorgestellt. Dann beginnt die eigentliche Geschichte. Anhand von aussagekräftigen Fotosequenzen, kurzen erklärenden Texten in gut lesbarer Schrift, gemalten Bildern und Sprechblasen wird dargestellt, was - beginnend mit der Nachricht von Jans Tod bis zur Beerdigung und der sich anschließenden Gedenk- und Verabschiedungsphase - an Fragen und Gefühlen, Erlebnissen, Handlungen und hilfreicher abschiedsbegleitender Unterstützung entsteht.

Im 2. Teil des Buches geht es um den 35jährigen Martin, Mitarbeiter einer Werkstatt, der unheilbar an Krebs erkrankt im Krankenhaus liegt. Sehr sensibel und emotional intensiv werden die Gedanken und Gefühle der Gruppenleiterin, der Freundin Michaela und der anderen Mitarbeiter dargestellt: Die Hilflosigkeit, die Bedrohung durch die schwere Krankheit, Ohnmacht, Angst, Sorgen und Schuldgefühle. In diesem Teil wird auch sehr einfühlsam auf die Erlebenswelt des an Krebs erkrankten Martin eingegangen. Wie erlebt er seine Erkrankung? Und sein Sterben? Wie seinen Körper? Welche Gefühle machen sich breit? Offen werden die körperliche Veränderung und die seelische Not von Martin sowie verschiedene Hilfen, die ihm seinen Weg erleichtern, angesprochen.

Die letzte Geschichte „spielt“ in einer Wohnstätte mit älteren Menschen, die Krankheit und Tod einer Mitbewohnerin und Freundin erleben.

Alters- und situationsgerecht werden die jeweiligen Geschichten sowohl informativ wie empathisch dargestellt. Auch gern gemiedene Sequenzen, wie z.B. das offene Grab, das Aufschütten der Erde nach der Beerdigung, der körperliche Abbau bei Krebserkrankung, schwere Gefühle, Ausharren am Bett der Verstorbenen, etc. werden hier einfühlsam geschildert.

Diesem Buch gelingt es auf besondere Weise nicht nur die Gedanken und Gefühle der Protagonisten deutlich werden zu lassen, sondern bietet verschiedenste Hilfen für die Begleitung Sterbender und Trauernder durch Gespräche oder gemeinsame Handlungen wie z.B. Luftballons mit guten Wünschen für den Verstorbenen, die zum Himmel aufsteigen, kleine Aufmerksamkeiten, Gebete, Gedichte, Psalmen und Lieder.

Die Aufmachung und Gestaltung (DIN A4, verdeckte Spiralbindung, deutliche Buchstaben mit angemessenem Zeilenabstand, teilweise dezenter farblicher Hintergrund, Fotosequenzen, Bilder) machen es zu einem Buch für Menschen mit geistiger Behinderung zum Selberlesen, Bilderanschauen und zum Ausdruckverleihen. Aber auch ein Buch für all diejenigen aus dem sozialen und professionellen Umfeld, die bereit sind Menschen mit geistiger Behinderung bei diesem Thema zu begleiten.


Anmerkung von Bea:
In meinen Augen ein sehr, sehr wichtiges Buch.

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Falls ich noch mehr dazu an Ideen bekomme, melde ich mich wieder.
Übrigens, mein Bruder mit DS sah nie einen Grund an Beerdigungen zu trauern - er wuchs allerdings im christlichen Glauben auf, so wie wir. Er fand, es ist doch schön, wenn jemand jetzt bei Gott wohnen kann, er wird nie mehr nass, muss nie mehr frieren, er hat ein Bett aus Wolkenflausch....
Es braucht keinen Glauben an Gott um zu glauben, dass das Danach, was immer es ist, ein guter Ort sein wird. Insofern wäre feiern, auch Wiedersehen feiern mit der Familie und sich an die Tante erinnern vielleicht auch gar kein schlechter Rahmen.

Hoffe, es kommen noch mehr Gedanken zu Deiner wichtigen Frage, die sicher auch andere beschäftigt

Liebe Grüsse

Bea
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