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kokodo
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Beitrag von kokodo » 16. Februar 2012, 13:50

Hallo zusammen!

Zuerst möchte ich jedem einzelnen von Ihnen meine tiefe Bewunderung aussprechen. Das Durchlesen der Forumsbeiträge und all Ihre Schicksale verlangen mir eine Menge Respekt ab; ich habe selbst noch gar kein Kind, geschweige denn ein behindertes, aber alles was Sie über das Leben mit einem solchen Kind erzählen, Ihre Schiksale und Ihr Mut, beeindrucken mich zutiefst.

Mein Mann und ich haben erst vor kurzem geheiratet und er hat panische Angst davor ein behindertes Kind zu bekommen, weil er als Jugendlicher seine Mutter jahrelang pflegen musste (sie ist als er 10 war an rheumatoider Arthritis erkrankt und sein Vater starb, als er 12 war). Er sagt, daß er nie wieder sein Leben jemand anderem opfern möchte, für mich kommt im Falle des Falles ein Schwangerschaftsabbruch aber überhaupt nicht in Frage.

Nun bin ich auf der Suche nach Menschen, die auch ihre Eltern gepflegt haben und ein behindertes Kind haben, damit wir uns mit jemand austauschen können, der seine Ängste hoffentlich relativeren kann. Ich stelle es mir ganz anders vor ein behindertes Kind als eine behinderte Mutter zu haben, aber das lässt mein Mann nicht gelten, da er sagt, daß ich nicht weiß wovon ich rede.
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Beatrice
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Re: Suche Hilfe

Beitrag von Beatrice » 16. Februar 2012, 22:58

Liebe Kokodo

Zuerst einmal ein herzliches Willkommen im Forum.
Deine Fragestellung ist ziemlich schwierig, aber vielleicht findet sich jemand mit entsprechender Doppelerfahrung. Ich habe beruflich geriatrische Patienten gepflegt und privat freiwillig kranke Kinder im Spital und behinderte Kinder im Entlastungsdienst begleitet mit leichter pflegerischer Tätigkeit wie waschen, füttern und noch mehr im Spiel oder bei schwierigen Untersuchen. Ich hatte bei beiden Tätigkeiten nie das Gefühl, dass ich mein Leben opfere. Ganz im Gegenteil, hier wie dort fühlte ich mich überwiegend beschenkt. Ohne zu leugnen, dass es auch Erfahrungen gab, die ich lieber nicht gemacht hätte. Aber diese gibt es in jedem Leben -auch ohne Betreuung von Menschen mit speziellen Bedürfnissen.
Da Dein Mann seine Erfahrungen schon in der Kindheit gemacht hat, wo er weder vom Alter noch von der Psyche her schon reif war für Grenzerfahrungen dieser Art, quasi als Hilfspfleger und Entlaster amten musste, ist es logisch in meinen Augen, dass es eine Schreckenserfahrung geblieben ist, die er nicht noch mal machen will. Vermutlich hat er in seinen Augen in der Pflege auch allzu oft versagt. Kinder haben oft die Tendenz, immer bei sich die Schuld zu suchen, wenn etwas in der Familie nicht gut läuft. Nur schon der Gedanke daran, dies ähnlich nochmals zu erleben, lässt ihn Fluchtgedanken entwickeln. Und dann noch der frühe Tod des Papas. Das traumatisiert.
Es ist eine ganz tiefe Angst und ich fürchte, um sie wirklich zu überwinden, bräuchte Dein Mann mehr als nur den Erfahrungsbericht anderer Doppel-Pfleger, die mitunter ihre Erfahrungen als Erwachsene machten. Ich denke, dass man das psychotherapeutisch angehen könnte, aber dazu muss er wollen. Und die Psychotherapie hat noch allzu oft in den Köpfen der Menschen das Gesicht einer Therapie für Spinner. Das macht es schwierig für viele, diesen Schritt zu machen. Dass die Psychotherapie auch ganz vielen Menschen als blosse Lebenshilfe dienen kann, ist leider zu wenig bekannt.

Interessant dünkt mich auch, dass er so grosse Angst hat, ein behindertes Kind zu bekommen. Gibt es in Deiner oder seiner Familie irgendeine Veranlagung. Es gibt zwar Kinder mit jugendlichem Rheuma oder auch Arthritis, aber auch das ist selten. Ich habe diese Krankheit in der Verwandschaft - eine Cousine litt daran, ihre Geschwister aber sind beide gesund.

Es könnte sein, dass ihn die Angst derart blockiert, dass ihm sogar die Lust auf ein eigenes Kind abhanden kommt. Das wäre so schade, vor allem auch für Dich, denn Du wünschst Dir Kinder. Ich hoffe, Ihr findet einen gemeinsamen Weg, der für beide stimmt

Ich bin psychologisch geschult durch meine Pflegetätigkeit, aber keinesfalls so tief, dass ich wirklich richtige Ratschläge geben könnte. Ich denke einfach, dass diese Angst zum grossen Teil irrational ist. Denn das Risiko, ohne Vorbelastung ein behindertes Kind zu bekommen, ist klein.

Wenn es dennoch passieren sollte, ist dann der Zeitpunkt, sich darüber Gedanken zu machen. Vorher bringt es wenig, weil es nur blockiert und jeden Gedanken an die Zukunft überschattet.

Vielleicht helfen Dir meine Gedanken ein bisschen. Das würde mich freuen.

Liebe Grüsse sendet Dir und Deinem Mann

Bea
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Man sieht nur mit dem HERZEN gut.
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orphan
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Re: Suche Hilfe

Beitrag von orphan » 17. Februar 2012, 13:39

Hallo Kokodo

Als unser Sohn 4 1/2 Jahre alt war, haben wir erfahren, dass unser Sohn schwer mehrfachbehindert ist - aufgrund einer unheibaren Stoffwechselkrankheit. Wie wäre da ein Schwangerschaftsabbruch noch möglich gewesen? Die meisten Behinderungen erfährst du während der Schwangerschaft gar nicht. Damit wirst du erst nach der Geburt konfrontiert. Was gibt es dann noch zu entscheiden?
Mein Mann und ich wohnten in der Nähe eines Heimes für erwachsene Behinderte. Öfters, wenn wir Behinderte angetroffen haben, diskutierten wir darüber, wie es wäre, ein behindertes Kind zu haben. Wir waren beide überzeugt, dass wir das nicht schaffen würden.
Mein Mann hat auch kurze Zeit seine Mutter gepflegt, die an Krebs gestorben ist. Auch er wollte sein Leben nicht mehr "opfern".
Aber egal wie man fühlt bevor man Kinder hat. Egal was man denkt oder was man meint, dass man schafft oder eben nicht. Wenn man in der Situation ist, und ein behindertes Kind hat, wird man damit umgehen können oder lernen damit umzugehen.

Was ist, wenn man ein Kind hat und dieses einen Unfall hat? Aufgrund eines Unfalles behindert wird? Gibt man es dann wieder zurück?

Ich will nicht provozieren. Nur zum Überlegen anregen. Ich denke einfach, dass all diese Gedanken, was wäre, wenn ich ein behindertes Kind bekommen würde, zu gar nichts führen. Man kann nie wissen, was einem das Leben bringt.
Eine schöne Zeit wünscht
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ClaudiaZH
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Re: Suche Hilfe

Beitrag von ClaudiaZH » 18. Februar 2012, 13:37

Hallo zusammen
Mich haben Orphans Worte gerade angesprochen. Ich habe mich in meinem Leben, bevor ich Kinder hatte, nie wirklich mit dem Gedanken an ein behindertes Kind befasst und wenn, dann auch nur, dass ich das wohl nie schaffen würde. Ich fand und finde immer noch, dass man Vertrauen ins gesunde Leben haben soll.
Und doch bin ich nun mit Fragen konfrontiert, von denen ich mir nie hätte träumen lassen, dass sie mal auf mich zukommen (wir stehen vor einer HirnOP, um die Epilepsie in den Griff zu kriegen). Ich kann dazu nur sagen, dass man wirklich in alles hineinwächst, unser Jüngster ist eine Riesenbereicherung für unsere Familie. Wir erleben Dinge (auch im positiven), die wir ohne seine Krankheit nie erfahren hätten. Natürlich ist alles andere nicht zu leugnen, die emotionale Belastung und was sonst dazugehört.
Ich wünsche euch viel, viel Mut und Vertrauen in gesundes Leben und sende liebe Grüsse Claudia
kokodo
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Re: Suche Hilfe

Beitrag von kokodo » 19. Februar 2012, 15:16

Hallo

Vielen Dank für Eure Feedbacks! Ihr bestätigt das, was ich ohnehin vermutet habe, nämlich, daß man sich vorher überhaupt nicht vorstellen kann, wie das ist- vor allem die positiven Seiten.
Das bestätigt ja, daß seine Angst komplett irrational ist; er war auch schon in Therapie, aber dieses Thema hat er nie mit der Therapeutin besprochen, erstens weil er er snicht wollte und zweitens, weil sie selbst ein behindertes Kind hatte, das mit 14 verstorben ist.

Aber ihr habt mir schon sehr viel mehr Mut gemacht, und ich danke Euch dafür, daß ihr mir die Situation von Eurer Seite beleuchtet!
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orphan
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Re: Suche Hilfe

Beitrag von orphan » 19. Februar 2012, 19:44

@claudia - viel Kraft für die Hirn-OP!

@kokodo - ich sage oft, dass das Leben bzw. das Schicksal vorbestimmt ist. Es kommt alles so, wie es kommen muss! Man kann eigentlich gar nichts am Lauf der Dinge ändern ...!!! Wünsch dir alles Gute.
Eine schöne Zeit wünscht
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Re: Suche Hilfe

Beitrag von Miezi22 » 12. April 2013, 11:27

Liebe Kokodo, die Angst Deines Mannes ist REAL, man darf sie nicht wegleugnen. Du liebst ihn sicher wegen anderer Dinge als dass er "nur" der Vater Deiner Kinder sein könnte. So psychologisch wie Beatrice kann ich es nicht ausdrücken, entschuldige bitte, doch da ist ein grosses Problem zwischen Euch, das unendlich Druck entstehen lässt. Ob ab Geburt, wegen Krankheit oder Unfall, man ist wirklich NIE gefeit vor Schicksalsschlägen. Und wenn man dieses Risiko mit eigenen Kindern ausschalten will, heisst es einzig: auf eigene Kinder verzichten! Vielleicht kann sich aber Dein Mann seiner Angst stellen und nochmals zu einem anderen Therapeuten gehen. Ich wünsche Euch offene Herzen füreinander!
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